Berichte

 

Weihnachtsrundbrief 2020

 

Liebe Keniafreunde,

ein ganz besonderes Jahr, wie wir es alle sicherlich noch nie erlebt haben, geht zu Ende. Ich hoffe, Sie hatten - trotz aller Corona bedingter Widrigkeiten - ein frohes Weihnachtsfest, Zeit zur Entspannung, zum Nachdenken und Zeit, um sich auf die wichtigen Dinge im Leben zu besinnen. Sicher wird uns das teuflische Virus auch noch weit ins neue Jahr hinein begleiten. Wenn die Weihnachtsbotschaft Hoffnung verheißt, sollte diese Hoffnung für uns gerade auch 2021 wegweisend sein.

Leider konnten wir aus oben erwähnten Gründen im Dezember auch nicht, wie vorgesehen, die Jahreshauptversammlung mit Kassenbericht 2019 und Vorstandsneuwahlen durchführen. Wir versuchen dies im neuen Jahr nachzuholen, dann inklusive dem Kassenbericht 2020. Sollte ein physisches Treffen immer noch nicht möglich sein, starten wir einen Versuch über eine Videokonferenz.

Unser Engagement für die Hilfsprojekte in Kenia und Madagaskar geht aber unvermindert weiter. 

Die Patenschüler in Kenia erleben derzeit, wie die Regierung, Corona bedingt, ein ganzes Schuljahr ausfallen lässt. Lediglich Schüler der Abschlussklassen erfahren Unterricht, damit die vorgesehenen Prüfungen stattfinden können. Ansonsten sind die Schüler zuhause bei ihren Familien, wo sie als zusätzliche Esser die Haushalte der Nomaden belasten. Da gerade die schulische Unterstützung von Mädchen während der letzten Jahre ein Hauptanliegen unseres Vereins war, ist die derzeitige Situation besonders tragisch. Die Rolle der Frauen ist in Kenia immer noch recht unbefriedigend, insbesondere bei den nomadisierenden Stämmen im Norden des Landes. Gerade besonders begabte Mädchen, welche die wenigen Secondary-Schools für Mädchen in den Diözesen Maralal und Marsabit besuchen, sind aktuell inihren Dörfern, wo sie meist unfreiwillig schwanger werden. Als „teen mummies“ müssen sie die Schulen verlassen und die Fortsetzung der schulischen Ausbildung ist kaum möglich. Wie in der Presse mehrfach berichtet wurde, handelt es sich hier um ein Problem, das ganz Kenia betrifft. In diesem Zusammenhang kommt mir gerade das Leitmotiv der Kalacha-Girls- Boarding-School immer wieder in den Sinn: „Educating a boy is educating only one person, educating a girl is to educate the whole family“. Die nahe Zukunft wird zeigen, wie wir vielleicht gerade für diese Mädchen Unterstützung finden können.

Wovon wir aber in Europa kaum Kenntnis nehmen, sind außer der scheinbar alles beherrschenden Pandemie weitere Plagen, die in Afrika, und ganz stark auch in Kenia, die Menschen belasten. Nach ergiebigen Regenfällen im Frühjahr mit Überschwemmungen, unpassierbaren Straßen, aber viel Grün für die Nomaden und ihre Tiere kam im wahrsten Sinne des biblischen Wortes die „Heuschreckenplage“ über Ostafrika. Die Pfarrer Anton Mahl und Hubert Mößmer schreiben in ihrem Oster-Rundbrief: „Die Schwärme wurden immer größer. Wie eine Wolke am Himmel zogen Millionen von Heuschreckend darüber. Wo sie sich niederlassen, bleibt nichts mehr übrig. Bauern fürchten nun um ihre Ernte und haben Angst zu pflanzen. Man spricht von der größten Heuschreckenplage seit 70 Jahren. Die Gefahr scheint noch nicht vorüber zu sein. Die Schwärme haben sehr viel Nachwuchs. Neue Schwärme sollen bis zu 20 Mal größer sein. Viele Bauern fürchten um die Mühe der Arbeit und um das„tägliche Brot“. In der kenianischen Presse wird berichtet, dass die Heuschreckenplage ca. vier Millionen Menschen in den Hunger treibt. Unsere Priesterfreunde berichten über die Folgen von Corona weiter: „Schwerer betroffen alsbei uns im Norden sind die Menschen in den Großstädten. Millionen Menschen überleben nur durch das Wenige des täglichen Lohnes. Durch die verschiedenen Beschränkungen fällt der tägliche Verdienst weg. Moped-Taxis dürfen keine Leute mehr transportieren, die Gemüsefrau kann nicht mehr am Straßenrand verkaufen, Märkte sind geschlossen, es ist kein öffentlicher Transport mehr möglich. Die kenianische Blumenindustrie liegt flach, da in Europa keiner mehr Blumen braucht“. Bezüglich der aktuellen medizinischen Situation berichten sie: “Wir beten nur für eines, dass es nicht zu einer epidemischen Ausbreitung kommt. Dies wäre eine totale Katastrophe, da die medizinische Versorgung im ganzen Land sehr dürftig ist. So gibt es bis jetzt nur zwei Krankenhäuser in Kenia, wo man auf Corona getestet werden kann. Der soziale Abstand, der vor der Ansteckung schützt, ist für die Kultur der Afrikaner und die Tradition völlig gegensätzlich, besonders wenn jemand gestorben ist. Wie können die Menschen in den ärmlichen Slums von Nairobi Abstand halten, wenn zum Teil zehn Menschen ein Zimmer teilen?“ Hinzu kommen immer noch eine hohe Infektionszahl durch Malaria oder durch die HIV-Erkrankung Aids. Dazu die bereits erwähnten Überschwemmungen und Dürren, eine Gesamtsituation, die für uns kaum vorstellbar ist und die unsere derzeitige Situation auch ein Stück weit relativiert.

Dennoch: Der Sinn unserer Arbeit in Kenia und Madagaskar.

Am 23. Dezember war im ABB (Acher- und Bühler Bote) zu lesen. „Ein Lehrer aus dem Armenviertel“. Ein Junge, Phillip Spenner lebte in den Slums von Nairobi, kam dort als Zwölfjähriger in ein Waisenheim, fand einen Sponsor aus Hamburg, der ihm das Schulgeld zahlte und der ihm ein Studium finanzierte. Phillip Spenner ist heute Lehrer in Hamburg, gründete einen Verein und unterstützt zusammen mit seinen Schülern Kinder in Kenia auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Spontan fiel mir hier als Beispiel auch unser Vorstandsmitglied Grace ein, eine gebürtige Kenianerin. Ich bat sie, ihren Werdegang für diesen Informationsbrief kurz zu schildern.

Grace:“Ich wurde am 27.07.1974 in Nakuru geboren und lebte mit meiner alleinerziehenden Mutter und fünf Geschwistern in den Slums von Nakuru namens Bondeni. Als ich 15 Jahre alt war, starb meine Mutter völlig unerwartet. Ich schrieb die Prüfungen zum Grundschulabschluss, als die Nachricht kam, dass meine Mutter im Sterben lag. Ohne sie konnte ich nicht zur Sekundarschule, da ich keinen hatte, der die hohen Schulgebühren hättebezahlen können. Ich schrieb einen Brief an das Starehe Boys Centre in Nairobi, und sie suchten nach einer Patenschaft für mich. Starehe Boys Centre arbeitete eng mit Save The Children Fund UK zusammen. Durch diese Organisation wurde ein Patenonkel für mich gefunden, und er übernahm alle meine Schulgebühren für die Sekundarschule als auch für mein College in Nairobi. Durch ihn konnte ich im Jahr 1994 nach England fliegen. Im Jahr 1998 lernte ich meinen Mann in England kennen und folgte ihm 2002 nach Deutschland. 2003 heirateten wir und haben zwei Kinder im Alter von 16 und 13 Jahren. Ich habe mich als Englischlehrerin, Einzelhandelsfachfrau, Industriefachfrau und Jugend- und Heimerzieherin ausbilden lassen. In Deutschland habe ich als Englischlehrerin, als Verkäuferin und Führungskraft im Einzelhandel sowie als Betreuerin in der Jugendhilfe gearbeitet. Zurzeit arbeite ich als pädagogische Fachkraft in einer Einrichtung für psychisch kranke Erwachsene.Ohne die Hilfe von meinem Sponsor vor vielen Jahren hätte ich all das nicht geschafft. Heute bin ich sehr dankbar für diese Hilfe und meine Zusammenarbeit mit dem Eine-Welt-Verein Keniahilfe e. V., wo wir versuchen, in Kenia vielen jungen Menschen eine Schul- und Berufsausbildung zu ermöglichen“.

Während der inzwischen 43-jährigen Keniahilfe mit unzähligen Projekten und Tausenden Patenschülern und-schülerinnen ließen sich sicher viele interessante Lebenswege nachzeichnen, die ohne Ihre / Euere Hilfe nicht möglich gewesen wären. Dafür ein herzliches Dankeschön!Unser finanzielles Engagement 2020 - ein kurzer Überblick.

- 6.500 € an die Missionsstation Baragoi mit Ngilai (Fr. Roberto und Chairman Josephat Leleruk); anteiliges Schulgeld für Secondarschülerinnen und -schüler.

- 4.852 € in Form von Einzelschulgeldern an die jeweiligen Secondary- und Highschools. Anmerkung: Die Schulgelder für weiterführende Schulen (Boarding-Schools) liegen inzwischen, je nach Lage und Term, bei 300,- bis 650,- €.

- 6.000,- € für besonders bedürftige Secondary School Studenten und College Studenten in Dukana (Pfr. Hubert Mößmer und Pfr. Hermann Renz) und in North Horr (Fr. John).

- 5.000,- € für ein Wasser-Versorgungsprojekt im Regional-House der Consolata Sisters in Nairobi (Sr. Flora).

- 1.000,- € für vier kenianische Marathonläufer (zwei junge Männer und zwei junge Frauen, die im März über eine Agentur nach Deutschland zu Wettkämpfen geholt wurden, aufgrund der Corona bedingten Einschränkungen aber keinen Wettkampf bestreiten konnten. Auch die Rückreise war bis September nicht möglich. Die Zwischenzeit wurde durch private Spender und die Keniahilfe überbrückt (Unterkunft und Nahrung).

- 1.000,- € für Handwaschstationen und Schutzmasken über den von der Keniahilfe unterstützte Kinderbuchverlag Vakoka Vakiteny auf Madagaskar (Sophie Küspert-Rokotondrainy und Mparany Rokotondrainy.

- 8.500,- € für den Bau von drei Schulen und für Lehrertraining in Verbindung mit dem 250 ha großen Umweltprojekt „Mangoky Reserve“ auf Madagaskar. Es geht hier um den Schutz eines der letzten Primärwaldgebiete auf der Insel mit einzigartigen Tier- und Pflanzenarten unter Einbeziehung der Lokalbevölkerung, die ihre Umgebung vor der Zerstörung schützt und im Gegenzug dafür Schulen und Bildung erhält (Dr. Klaus Küspert und Mparany Rokotondrainy).  

- 500,- € im Rahmen einer Spendenaktion (Care-Pakete) für fünf entlegene Dörfer der Region Seronja in Botswana. Durch Corona finden hier keine Safaris mehr statt, die den Dorfbewohnern geringfügige Einnahmen und so das Überleben garantierten. Die Nichte eines Vereinsmitgliedes, Karin Fröhlich, koordinierte diese Aktion als Regional Manager – Central Europe.

Anmerkung: Sollten Fragen zu den einzelnen Projekten bestehen, so bin ich gerne zur Auskunft bereit. Dass wir uns dieses Jahr teilweise auch bei ungewöhnlicheren Projekten engagierten, ist einmal der Tatsache „Corona“ geschuldet und zum anderen, dass uns durch den Tod von Edeltraud Ludwig Gelder zugegangen sind, die uns zusätzliches Engagement erlaubten. Das ist auch vor dem Hintergrund unserer Gemeinnützigkeit als Verein zu sehen, wo das Finanzamt zu große Vereinsrücklagen nicht akzeptiert.

Ich kann Ihnen / Euch aber versichern, dass alle Projekte sorgfältig ausgewählt wurden und gegenüber dem Finanzamt auch entsprechend dokumentiert sind bzw. werden.

An der Stelle darf ich unserem Kassenwart Hans Lemcke für seine gründliche Kassenführung danken, ebenso den beiden Kassenprüfern Gabi Sülflow und Horst Oldach. 

Ein Blick in die Zukunft: Es gibt Überlegungen, evtl. ein Sportprojekt für Straßenkinder in Kenia in Angriff zu nehmen, wo Jungen und Mädchen über sportliche Aktivitäten von der Straße geholt werden, Essen und Unterkunft bekommen und wo ihnen ein geregelter Schulbesuch ermöglicht wird. 

Mehr darüber bei einem wie auch immer gearteten Treffen im neuen Jahr! 

„Mit dem Herzen zu denken, ist die rechte Art für die Menschen“.Ich denke, dieser Satz von Albert Schweitzer trifft auf alle Freunde und Helfer der Keniahilfe zu. 

Nochmals ein herzliches Dankeschön für Ihre / Euere Unterstützung.Bleiben Sie / bleibt auch weiterhin der Keniahilfe verbunden, vor allem aber gesund!

Ihr/Euer

Hansjörg Willig

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